Joseph Beuys, Springender Wolf, fallende Bombe, 1959
© VG Bild-Kunst Bonn, 2021, Foto: Jörg von Bruchhausen
Bitte beachten Sie: Der Studiensaals des Kupferstich-Kabinetts ist am 23. September 2021 aufgrund einer internen Veranstaltung nicht geöffnet.

Online-Archiv Joseph Beuys

173 Zeichnungen von Joseph Beuys: Dauerleihgabe der Sammlung Aeneas Bastian an das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Zeichnungen von Joseph Beuys in der Sammlung Aeneas Bastian

Mit der Dauerleihgabe von 173 Zeichnungen von Joseph Beuys aus der Sammlung Aeneas Bastian ist 2020 eines der umfangreichsten und wichtigsten Konvolute von Beuys-Zeichnungen aus Privatbesitz in das Dresdner Kupferstich-Kabinett gekommen. Zusammengetragen in unmittelbarer Nähe zum Künstler – Vater Heiner Bastian war langjähriger Sekretär und Vertrauter von Beuys – repräsentieren die Arbeiten nicht nur ein meisterhaftes Œuvre der Zeichenkunst des 20. Jahrhunderts, sie geben auch Zeugnis über das enge Band zwischen dem Künstler und der Familie Bastian.

Die Sammlung ist in ihrem Umfang und ihrer Qualität einzigartig. Die Arbeiten bilden die gesamte Schaffenszeit des Künstlers ab: Das früheste Blatt ist 1945 entstanden, das späteste erst gut ein Jahr vor Beuys’ Tod 1986. Das Kupferstich-Kabinett möchte in den nächsten Jahren die Sammlung Aeneas Bastian aus vielfältigen Perspektiven und in unterschiedlichen analogen und digitalen Formaten vorstellen und erschließen. Alle Werke und Forschungsergebnisse werden hier in diesem Online-Archiv dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht. Die Ausstellung Crossing Borders. Sammeln für die Zukunft (14.11.20–22.2.21, verlängert bis 31.5.21) stellt im Wechsel Zeichnungen von Joseph Beuys aus der Sammlung Aeneas Bastian vor. Diese Werke bilden den Auftakt für das Online-Archiv.

Springender Wolf, fallende Bombe

Der springende Wolf und die fallende Bombe sind für sich kaum identifizierbar, vielmehr ähneln sie sich in der Form und der graugrünen Farbe, die man sowohl mit einem Fell als auch mit dem Militär in Verbindung bringen kann. Beuys’ Fokus liegt auf der dynamischen Auf- und Abwärtsbewegung, die er als Flugbahn darstellt. Der Übergang lässt sich als eines der künstlerischen Leitmotive von Beuys, die Wandlungsfähigkeit der Dinge, deuten. Der Wolf verwandelt sich in eine Bombe, während die spezifischen Unterschiede zwischen organisch und anorganisch, zwischen lebendig und tot oder todbringend verwischen, so dass im Zentrum der Arbeit die angereicherte Energie der beiden symbolischen Urgewalten Wolf und Bombe kurz vor ihrer Freisetzung fassbar wird.

© VG Bild-Kunst Bonn, 2021, Foto: Jörg von Bruchhausen
Joseph Beuys, Springender Wolf, fallende Bombe, 1959 Zwei Blätter, Ölfarbe und Wasserfarbe, A. Nr. 59.08

Raum mit Filzplastiken

Den Beginn der Zusammenarbeit zwischen der Familie Bastian und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden markiert die Schenkung einer wichtigen Zeichnung aus dem Konvolut an das Kupferstich-Kabinett: Das Blatt Raum mit Filzplastiken zeigt beispielhaft das künstlerische Gewicht der Zeichnungen im OEuvre des Künstlers. Es entstand in einer entscheidenden Phase seines Wirkens, als Beuys Akademielehrer in Düsseldorf war, erste Fluxus-Aktionen durchgeführt und sein bildnerisches Werk um Filz, Fett und Wachs erweitert hatte. Die Zeichnung deutet eine Raumsituation an, die ein energetisches Spannungsfeld aus Flächen und Linien, aus Ruhe und Bewegung zu erzeugen scheint. Das Werk ist der autonome Ausdruck einer künstlerischen Suchbewegung, die im kleinen Format der Zeichnung plastische Kraft entfaltet.

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Joseph Beuys, Raum mit Filzplastiken, 1963 Öl auf Papier, 2020 Schenkung Dr. Aeneas Bastian, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv.-Nr. C 2020-45

Neun Zeichnungen zur Theorie der Plastik I-IX. Gespräch mit Heiner Bastian

Zeichnungen, in denen Beuys grafische Bilder für seine theoretischen Ansichten entwickelte, bilden eine eigenständige Gruppe in seinem Werk. Diese neun Blätter sind während eines Gesprächs mit Heiner Bastian über die „Theorie der Plastik“ am 31. Januar 1971 entstanden. Beuys sucht im Zeichnungsprozess Darstellungsformen für die Zusammenhänge von Begriffen wie „Form“ und „Denken“ oder „Geist“ und „Materie“. Die Diagramme sollten Argumente im Gespräch erläutern und visualisieren. Sie machen deutlich, dass Beuys grafische und sprachliche Formulierung als einen gemeinsamen, voneinander abhängigen intellektuellen Vorgang verstand. Gleichwohl sind die Zeichen nicht jedem sofort verständlich. Sie sind Ausdruck einer intensiven Denkleistung, die hier einen ersten visuellen Niederschlag gefunden hat. Das Gespräch zwischen Beuys und Bastian fand am Beginn einer langjährigen sich gegenseitig inspirierenden Freundschaft statt. Der Zeichner und der Lyriker kannten sich zu diesem Zeitpunkt knapp drei Jahre. 

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Joseph Beuys, Neun Zeichnungen zur Theorie der Plastik, 1971 Bleistift auf Papier, A. Nr. 71.02

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Wachsplastik

Mit Kugelschreiber und eisenhaltiger Substanz ist eine kaum lesbare Darstellung zu Papier gebracht. Klar begrenzende Linien wechseln sich mit den unscharfen Rändern des wässrigen Mediums ab; Zufälligkeit und Ordnung stehen sich gegenüber. Dabei ist unklar, womit Beuys im Zeichenprozess begann, ob er mit dem Kugelschreiber auf die Farbe oder mit der Farbe auf den Kugelschreiber reagierte. Im Titel ist ein Zusammenhang mit Beuys‘ „Theorie der Plastik“ angelegt. Diese geht auf die Überzeugung zurück, dass alle Materie einen „Wärmecharakter“ hat und im Energieaustausch bewegt wird. Dadurch kommt es zu einem Ausgleich der Kräfte. Dieser Vorgang ist im Kern prozesshaft und kommunikativ. Beuys verband damit die Idee des Plastischen

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Joseph Beuys, Wachsplastik, 1952 Eisenchlorid und Kugelschreiber auf Papier, A. Nr. 52.01

Kristallines Prinzip und Block

Die Bleistiftzeichnung „Kristallines Prinzip und Block“ schuf Joseph Beuys im Jahr 1974 auf einem rückseitig mit einem gedruckten Text versehenen Blatt im klassischen DIN A 4-Format (29,7 x 21 cm). Auch wenn das Format eher bescheiden ist, besitzt das Werk eine ganz besondere plastische Kraft, die einen die Größe der Darstellung vergessen lässt.

Beuys hat das Blatt mit zwei übereinander angeordneten, sich ähnelnden Formen gefüllt – auf diese bezieht sich die Bezeichnung „Block“ –, von denen er die obere mit einer verzweigten, an das Blatt eines Baumes erinnernden Struktur als Aussparung in der schraffierten Fläche versehen hat. Zwischen den einzelnen Verzweigungen finden sich sternförmig kreuzende Stiche, die wie die blattartige Hauptform kristallin anmuten.

Die beiden Blöcke, die eine Doppelstruktur definieren, sind in ihrer Form komplex: Durch eine bogenförmige Aussparung jeweils oben links wird ihre Tiefe erkennbar – und man meint, eine Art Bodenplatte zu sehen. Die rechteckige Grundform eines jeden Blockes ist nicht nur durch die besagte Aussparung, sondern auch durch eine Abschrägung unten rechts aufgebrochen. Zudem begleiten den unteren Block zwei kleinere plastische Formen.

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Joseph Beuys, Kristallines Prinzip und Block, 1974 Bleistift auf weißem rückseitig bedrucktem Papier, 297 x 210 mm, Inv.-Nr. 74.09

Die an ihren Rändern

Die an ihren Rändern veränderten Blöcke (auf welches Material Beuys anspielt – Filz oder Metall? – bleibt offen) erweisen sich nicht als statische, sondern als belebte Gebilde, während die kristalline Struktur, die wie eine Flechte den oberen Block besetzt, in sich abgeschlossen und erstarrt anmutet. Damit aber ergibt sich der Bezug auf Beuys´ Vorstellungen vom Kristallinen als einem rationalen, statischen Verkrustungszustand des Plastisch-Kreativen, während die Blöcke, die auch als Speicher plastischer Kräfte begriffen werden könne, durch Impulse von außen neues Leben gewinnen – und Energie freisetzen.

Von Dr. Andreas Schalhorn, Referent für moderne Kunst am Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Museen zu Berlin. Andreas Schalhorn hat die Zeichnung auf der Veranstaltung des Kupferstich-Kabinetts „100 Jahre Joseph Beuys“ zum Geburtstag des Künstlers am 12. Mai 2021 online vorgestellt.

Ausstellung

Sonderausstellung im Residenzschloss
23.07.—17.10.2021

Beuys zum Geburtstag

Linie zu Linie – Blatt um Blatt

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Joseph Beuys, undatiert, unbetitelt
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021
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